8. Januar 2026 Lea-Maria Kneisel
Zwischen Text und Melodie, Sehnsucht und Ekstase – die Arabesk in Berlin
Die Geschichte des Genres Arabesk ist die Geschichte einer Suche nach musikalischer Identität. In der jungen türkischen Republik, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kulturell gen Westen orientiert, unterliegt das Musikleben mehrfachen staatlichen Reglementierungen: Bestimmte türkische Musikarten werden zeitweise verboten, andere Formen populärer arabischsprachiger Musik eingeschränkt, um eine „moderne“ nationale Klangästhetik zu fördern. Doch einige Musiker*innen widersetzen sich dieser verordneten Homogenität. Statt Jazz und europäischer Klassik übernehmen sie die melodischen Linien und emotionalen Ausdrucksformen arabischer Volksmusik, verweben sie mit der türkischen Sprache – und schaffen so etwas Neues: Die Arabesk wird geboren.
„Es gibt Songs der Arabesk, bei denen man tanzen möchte, obwohl die Texte eigentlich unendlich traurig sind“, erzählt Burcu Bilgiç. Die Künstlerin forscht mit ihren beiden Kolleg*innen Derin Cankaya und İlkyaz Özköroğlu im Rahmen ihrer vierwöchigen Berliner Residenz in den Uferstudios an der Musikform der Arabesk.
Das Genre selbst mäandert zwischen Texten voller Sehnsucht nach Liebe, Leidenschaft und Schmerz sowie tanzbaren, lebensfrohen Melodien. Der intensive Gesang wird musikalisch meist von Violinen, den Rhythmen der Darbuka (Bechertrommel) oder auch der Langhalslaute Saz begleitet.
Für die drei Künstlerinnen, die alle aus der Türkei stammen und heute in Berlin leben, hat Arabesk-Musik eine besondere Bedeutung. „In der Türkei war sie ein unvermeidlicher Teil unseres Alltags, aber nicht unbedingt aus eigener Entscheidung oder aufgrund unserer künstlerischen Praxis“, sagt Burcu, „aber hier – weit weg von zu Hause – hören wir diese Musik plötzlich bewusst, und sie klingt anders. Vielleicht, weil sie etwas ausdrückt, das wir vermissen.“
Denn arabeske Lieder erzählen nicht nur von Liebe und Sehnsucht – sondern auch von Verlust und dem Kampf um Würde, von Menschen, die vom Land in die Stadt zogen, vom Aufstieg und vom Scheitern – alles Themen, die sich in der Erfahrung von Migration und Entwurzelung wiederfinden. Lange galt sie als Musik der unteren Klassen, vom Staat einst aus dem Fernsehen verbannt, später durch den Aufstieg privater Fernsehanstalten wiederentdeckt und schließlich zu einem der prägendsten musikalischen Genres des Landes gewachsen. Ein Symbol für das, was damals nicht zum Bild eines „modernen“ Landes passte. „Aufgewachsen inmitten der Komplexität des Modernisierungsprozesses des Landes, bezeichnete meine Großmutter diese Musik als ‚unzivilisiert‘“, sagt Burcu. „Für uns, die neuen Generationen, ist sie eine Erinnerung, und ihre Bedeutung wandelt sich im Laufe der Zeit hin zu einem Symbol des Widerstands in der heutigen Zeit.“ Für Burcu spiegeln die Texte eine Emotionalität wider, die tief in der Kultur verwurzelt ist: „Wenn wir lieben, dann lieben wir mit ganzem Herzen. Wir sind leidenschaftlich – zumindest sagen das viele Menschen aus der Türkei über sich selbst.“
„Diese Musik trägt eine doppelte Wahrheit: sie feiert das Leben, während sie um es trauert.“
In ihrer Berliner Residenz wird die Arabesk nun zum künstlerischen Resonanzraum. Denn Burcu, Derin und İlkyaz sind vor allem auf der Suche nach dem Produktiven im Widerspruch des Genres. Text und Melodie, Trauer und Lebenslust, Weinen und Tanzen werden zum Ausgangspunkt ihres künstlerischen Forschens. Sie wollen die Arabesk nicht einfach reproduzieren. „Wir wollen sie anfassen, dehnen, brechen – bis ein neuer, eigener Ton entsteht.“
Sie fragen sich: Wie entstehen die melancholischen Klänge? Wie greifen Instrumente, Rhythmus und Stimme ineinander? Und wie lässt sich ein kulturelles Erbe gleichzeitig umarmen und aus der Distanz betrachten?
Während der ersten Woche der Residenz schauen die Künstler*innen Dokumentarfilme, lesen Texte zum Thema und diskutieren über die sozialen und geschlechtlichen Dynamiken in der arabesk geprägten Musikkultur. „Männer werden dort oft als Könige dargestellt, Frauen eher als große Schwestern oder Leidende“, erzählt Burcu. Diese Stereotype wollen sie hinterfragen, aufbrechen und queeren. Dafür fragen sie ebenso, was es bedeutet, wenn ein Musikstil über Jahrzehnte gesellschaftliche Schichten und Geschlechterrollen abbildet.
Gemeinsam mit der bekannten kurdischen Drag-Sängerin Babykilla, arbeiten die Künstler*innen an neuen Aufnahmen und einem eigenen Klanggewebe, das Vergangenes transformiert.
In ihren Proben entsteht eine Art „Momentforschung“ – jede arbeitet aus einem anderen Zugang: Rhythmus, Stimme, Instrument. Was zunächst analytisch beginnt, wird mit der Zeit körperlich, persönlich. „Wir lachen beim Proben, tanzen, improvisieren – und plötzlich stehen uns Tränen in den Augen. Diese Musik trägt eine doppelte Wahrheit: sie feiert das Leben, während sie um es trauert.“
So wächst ein Werk, das nicht nur von Musik erzählt, sondern einen ein Raum schafft, in dem Körper und Klang, Trauer und Freude, Gegenwart und Erinnerung ineinanderfließen – ein arabeskes Herz, das Mitten in Berlin schlägt.
Am 8. November 2025 hatten Burcu Bilgiç, Derin Cankaya und İlkyaz Özköroğlu im Rahmen ihrer Residenz ein internes Showing ihrer Arbeit in den Uferstudios Berlin und boten somit einen Einblick in ein Projekt, das weiterwachsen wird.